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Alaun auf Ischia - Die vergessene Industrie der Grünen Insel

Alaun auf Ischia – Die vergessene Industrie der Grünen Insel

Ischia ist bei Touristen beliebt. Sie kommen für heilende Thermalquellen, mediterrane Vegetation und vulkanische Landschaften. Doch lange bevor der Tourismus die Insel prägte, spielte hier ein anderer Rohstoff eine bedeutende Rolle: Alaun.

Vor allem rund um Casamicciola Terme entwickelte sich bereits im Mittelalter eine frühe Bergbau- und Produktionsindustrie, die über Jahrhunderte hinweg eine wichtige wirtschaftliche Grundlage für die Bevölkerung darstellte. Noch heute erinnern versteckte Überreste im Waldgebiet oberhalb des Ortes an diese beinahe vergessene Vergangenheit.

 

Was ist Alaun?

Alaun ist ein schwefelsaures Doppelsalz, das aus verschiedenen Metallverbindungen bestehen kann. Besonders verbreitet ist Kalialaun, eine Verbindung aus Kalium und Aluminium. Bereits in der Antike war Alaun aufgrund seiner vielseitigen Eigenschaften ein begehrter Rohstoff.

Genutzt wurde er unter anderem:

  • als Färbe- und Fixiermittel in der Textilverarbeitung,

  • in der Medizin zur Blutstillung,

  • in der Gerberei,

  • zur Metallbearbeitung,

  • als Flammschutzmittel,

  • sowie später sogar in der Papierherstellung.

Interessant ist besonders die Verwendung beim Färben von Stoffen. Dabei wurde Wolle zunächst mit Alaun behandelt, damit die Fasern den Farbstoff besser aufnehmen konnten. Nach dem Färbevorgang sorgte eine weitere Behandlung dafür, dass die Farbe dauerhaft im Gewebe haftete.

 

Warum entstand Alaun gerade auf Ischia?

Die Entstehung der Alaunvorkommen hängt direkt mit der vulkanischen Aktivität der Insel zusammen. Unter Ischia befindet sich noch heute ein aktives hydrothermales System mit einem Magmaherd in mehreren Kilometern Tiefe. Entlang von Bruchlinien steigen heiße Gase und mineralreiche Fluide aus dem Untergrund auf.

Besonders in Gebieten mit schwefelhaltigen Fumarolen — etwa am Monte Cito oder bei den „Fumarole del Re“ oberhalb von Casamicciola — reagierten diese heißen Fluide mit dem vulkanischen Tuffgestein. Dabei entstand Schwefelsäure, die das Gestein chemisch veränderte und sogenannte Alunit-Lagerstätten bildete, aus denen später Alaun gewonnen werden konnte.

Die geologischen Bedingungen Ischias schufen somit ideale Voraussetzungen für natürliche Alaunvorkommen.

 

Die erste Alaunindustrie Italiens?

Bereits im 13. Jahrhundert wurde auf Ischia Alaun gewonnen — vermutlich befand sich hier sogar die erste Alaunfabrik Italiens. Anfangs diente die Produktion vor allem dem lokalen Bedarf, doch spätestens im 15. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein bedeutender Wirtschaftszweig.

Über den Hafen von Casamicciola wurde Alaun exportiert und gehandelt. Für viele Bewohner stellte der Rohstoff eine wichtige Einnahmequelle dar.

Das Ende der Alaunindustrie kam jedoch relativ plötzlich: Nachdem 1463 große Alaunvorkommen bei Tolfa nahe Rom entdeckt wurden, sicherten sich Papst Pius II. und später die Familie Medici das alleinige Vergütungsrecht für den Handel. Die Produktion auf Ischia verlor dadurch ihre wirtschaftliche Bedeutung und wurde schließlich im 16. Jahrhundert eingestellt.

 

Wie wurde Alaun hergestellt?

Die genaue Produktionsweise auf Ischia ist heute nicht vollständig überliefert. Dennoch lassen sich die einzelnen Arbeitsschritte anhand archäologischer Überreste und Vergleichen mit anderen europäischen Alaunwerken rekonstruieren.

Das Ausgangsgestein wurde vermutlich im Gebiet Crateca abgebaut und anschließend zu den Produktionsstätten nahe der ehemaligen Quelle „La Pera“ transportiert. Dort wurde das Material zunächst zerkleinert und gemeinsam mit Holz auf sogenannten Röstbühnen gebrannt.

Anschließend ließ man das Gestein verwittern und behandelte es mit Wasser, um die löslichen Bestandteile herauszulösen. Die entstandene Salzlösung wurde schließlich in großen Kesseln eingekocht und danach in Behälter zur Kristallisation gefüllt.

Noch heute sind im Waldgebiet am Monte Cito Überreste dieser Anlagen sichtbar: gemauerte Arbeitswannen, Ziegelstrukturen und Spuren ehemaliger Produktionsplätze. Der umliegende Wald lieferte damals das notwendige Brennholz, während das Wasser der Quelle für die Verarbeitung genutzt wurde.

 

Spuren einer vergessenen Vergangenheit

Viele Besucher Ischias ahnen nichts von dieser frühen Industriegeschichte der Insel. Zwischen dichter Vegetation und verlassenen Wegen verstecken sich jedoch noch immer Zeugnisse einer Zeit, in der die Insel nicht nur für Thermalwasser, sondern auch für einen der wertvollsten Rohstoffe des Mittelalters bekannt war.

Die Alaunindustrie zeigt eindrucksvoll, wie eng die Geschichte Ischias mit ihrer vulkanischen Geologie verbunden ist. Die gleichen hydrothermalen Prozesse, die heute Thermalquellen und Fumarolen hervorbringen, ermöglichten einst auch die Entstehung eines bedeutenden Wirtschaftszweigs.

Wer heute durch die Wälder oberhalb von Casamicciola wandert, bewegt sich also gleichzeitig durch ein Stück fast vergessener Industrie- und Kulturgeschichte der Insel.

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